interaktives Vimeo?

Aus dem letzten Seminar zum Thema „Interaktivität“ konnte ich aus all den Diskussion rund um Kommunikation, Interaktion und eben Interaktivität, für mich selbst vor allem eine Erkenntnis mitnehmen: Scheinbar werden dermaßen hohe Maßstäbe an die Kriterien für „Interaktivität“ gesetzt, dass wohl (derzeit) kaum ein digitales Kommunikationsangebot in der Lage ist, diesem Anspruch nahe zu kommen, geschweige denn gerecht zu werden. Gunther Kreuzberger hat dieses Dilemma im Anschluss an die Vorlesung in seinem blog folgendermaßen zusammen gefasst: „Interaktivität hat ein Ideal! Sie orientiert sich an gleichberechtigter (interpersonaler) Kommunikation von Angesicht zu Angesicht.“ Nichtsdestotrotz werde ich im Folgenden versuchen Vimeo auf Interaktivität hin zu untersuchen. Ich möchte mich dabei an die in der Vorlesung vorgestellten Konzeptionalisierung von Goertz halten, da für mich alle anderen Modelle/Ansätze/Überlegungen zu abstrakt, zu diffus und zu wenig greifbar sind, um sie konsequent auf ein Beispiel aus der Praxis anwenden zu können.

Goertz deklariert Interaktivität als „Einfühlungsvermögen“ in die Kommunikationspartner, sprich das Maß in dem Medienanwendungen in der Lage sind, sich auf die individuellen Bedürfnisse der Anwender „einzustellen“. Weiterhin klassifiziert er dieses „Einfühlungsvermögen“ nach den Graden der Selektionsmöglichkeiten, der Modifikationsmöglichkeiten, der Linearität bzw. Nicht-Linearität sowie nach der Größe des Selektions- und Modifikationsangebots (Quelle: http://koelibri.edublogs.org/files/2008/12/concepts-of-interactivity.pdf, Seite 6/7).

Ich möchte nun also versuchen Vimeo auf diese Kriterien hin zu überprüfen. Ich werde jedoch „die Größe des Selektions- und Modifikationsangebots“ jeweils mit den „Graden der Selektions- und Modifikationsmöglichkeiten“ gemeinsam behandeln, da die Abgrenzungen dieser Kriterien für mich nicht trennscharf sind. Ich werde demnach diese drei Kriterien zunächst unabhängig voneinander betrachten, um zu schauen inwieweit sie erfüllt werden und erörtere zum Schluss das „Einfühlsvermögen“ von Vimeo und damit den Grad der Interaktivität.

Grad der Selektionsmöglichkeit/Größe des Selektionsangebotes:

Unter „Selektionsmöglichkeit“ verstehe ich die Freiheit der Auswahlentscheidung und zwar primär bezogen auf den dargebotenen Content des Kommunikationsangebotes. Die Möglichkeit zur grundsätzlichen Nutzung von Vimeo ist selbstverständlich vollkommen freigestellt und soll daher nicht weiter betrachtet werden. Bei der konkreten Auswahl der zu betrachtenden Videos/Filme ist die Selektionsmöglichkeit relativ eingeschränkt, da Vimeo auf verschiedene Weisen Vorauswahlen trifft. Dies ist sicherlich der Bekämpfung der Informationsflut geschuldet und soll daher als rein objektive Aussage dastehen. Weitaus weniger demokratisch als zum Beispiel bei der youtube -Variante, gestaltet sich die Auswahl der Videos auf der Startseite des Portals. Im Gegensatz zum Internetgiganten werden nicht die derzeit „angesagten“ Filme dargeboten (auf youtube sortiert nach bspw. nach der Häufigkeit/Aktualität der „Aufrufe“  oder der vergebenen votes sowie Anzahl der Diskussionsbeiträge), sondern die Vimeo-Mitarbeiter präsentieren dem Besucher eine Liste ihrer aktuellen Lieblingsfilme. Diese Herangehensweise zeugt sicherlich vom Selbstverständnis und Anspruch der Vimeo-Macher, eine qualitativ hochwertige Videoplattform anbieten zu wollen. Die „Explore“-Funktion bietet verschiedene Möglichkeiten der demokratischen und individuellen Videoauswahl. In den Channels werden Videos anhand verschiedener Oberthemen gruppiert und die Besucher können sich die einzelnen Kanäle nach bestimmten Vorgaben gruppieren lassen (bspw. alphabetisch, neueste, Anzahl der Abonnements). Durch Gruppen können Mini-Communities für User mit ähnlichen Interessen gebildet werden. Bei „Staff-Picks“ sind nochmal alle aktuellen und vergangenen Lieblingsfilme der Vimeo Mitarbeiter gelistet. Der HD-Kanal führt alle Videos in HD-Auflösung auf und richtet sich somit explizit an Besucher, die aufgrund des qualitativen technischen Vorteils das Portal nutzen. Bei HD-Videos ist immer die Option gegeben, die HD-Auflösung auszustellen und sich das Video stattdessen in Standardauflösung anzuschauen. Zudem kann der Ton optional ausgestellt werden. Über Abonnements lassen sich individuelle Selektionsvorgaben gezielt automatisieren. Die beiden „Vimeo Toys“ „Pulse“ und „Vimeo Land“ stellen schließlich aktuelle Vorkommnisse auf dem Portal dar und ermöglichen daher eine zusätzliche, auf demokratischen Prinzipien basierende Selektionsmöglichkeit. Allerdings werden in den „Toys“ alle kommentierten und bewerteten Videos angezeigt, egal ob sie einmal oder 1000 mal „geliked“ wurden, Hauptsache es geschieht aktuell. Dadurch wird auch für weniger populäre  Videos eine Selektionsmöglichkeit geschaffen, die auf youtube und Co. wohl kaum eine Chance hätten, überhaupt beachtet und ausgewählt zu werden.
Ich kann an dieser Stelle leider keine objektive Einschätzung zum Grad der Selektionsmöglichkeit geben, da ich zugegebenermaßen wenig Kenntnis über ergleichbare Angebote habe. Ich weiß leider auch gar nicht, wie dieser Grad überhaupt gemessen wird und wie hoch er objektiv gesehen sein müsste, um als einwandfreies Indiz für Interaktivität gelten zu können. Ich denke aber, dass die Vielfalt der verschieden Selektionsangebote für sich spricht und dieser Aspekt von Interaktivität daher zumindest ansatzweise erfüllt sein sollte.

Grad der Modifikationsmöglichkeiten/Größe des Modifikationsangebotes:

Bezogen auf den Grad der Modifikationsmöglichkeit, bzw. der Größe des Modifikationsangebotes, muss man Vimeo sicherlich auf zwei Aspekte hin untersuchen: einerseits bezogen auf den primären Content, d.h. den geposteten Videos und andererseits bezogen auf die Community-Funktionen des Portals. Die Modifikationsmöglichkeiten und -angebote für den Primärcontent können sicherlich zu Recht (auch objektiv gesehen) als vollkommen marginal abgetan werden, da sie praktisch nicht vorhanden sind. Es gibt auf dem Portal selbst keinerlei Möglichkeiten die Videos in irgendeiner Weise zu modifizieren. Vorstellbar wäre zwar, dass man sich bspw. ein Originalvideo herunterlädt (dieses Feature wird unterstützt) und dann auf seinem eigenen Rechner bearbeitet. Aber selbst wenn man das bearbeitete Video wieder posten und somit den anderen Usern zugänglich machen würde, kann ich diese Möglichkeit nicht notwendigerweise Vimeo anrechnen, da der reine Modifikationsschritt vom Portal losgelöst geschieht. Mal davon abgesehen müsste man im Prinzip zunächst über Sinn und Unsinn derartiger Möglichkeiten diskutieren, was allerdings nicht Inhalt dieses Beitrages sein soll. Ich werde mich stattdessen voraussichtlich in meinem letzten Beitrag darauf beziehen.            
Zur Modifikation der Community-Aktivitäten kann im Prinzip jeder registrierte und angemeldete Besucher beitragen, wenn ihm danach ist. Jeder kann bspw. Gästebuchkommentare zu den Videos hinterlassen, sich im Forum engagieren oder Videos „liken“. Dadurch werden bewusst oder unbewusst sowohl der Ablauf von bspw. öffentlichen Diskussionen sowie gegebenenfalls auch das Rezeptionsverhalten anderer User beeinflusst. Ebenso die „only-click“-Aktion des „liken“ finden dabei alle Aktivitäten auf einer rein textlichen Ebene statt und stellen daher eine Form der indirekten, zeitlich und räumlich versetzten symbolischen Interaktion, sprich Kommunikation dar. Die Modifikationsmöglichkeiten sind in dem Fall also mit den Kommunikationsmöglichkeiten gleich gesetzt, die aber, wie gesagt, nüchtern betrachtet rein textuell ablaufen und die Größe des Modifikationsangebots von Vimeo daher eher gering ausfällt. Kommuniziert wird von den Filmemachern natürlich ebenfalls auf einer audiovisuellen Ebene, nämlich über die Bilder und den Ton der Filme. In diesem Sinne stellt das Posten eines Films eine Kommunikations- und somit Modifikationsaufforderung dar. Ein inserierter Film lädt andere User dazu ein, Kommentare und „likes“ zu vergeben. Diese Möglichkeit wird jedoch nicht von Vimeo direkt angeboten, sondern von deren Usern. Vimeo bietet als Plattform für Filmemacher damit lediglich die Möglichkeit zu einem Modifikationsangebot.

Grad der Linearität bzw. Nicht-Linearität:

Um es kurz zu machen. Dieses Kriterium muss wiederrum für den Content und die Community-Funktionen getrennt betrachtet werden. Die Videos laufen ab dem Moment, wenn „Play“ gedrückt wurde streng linear ab. Es besteht für den User allerdings selbstverständlich die Möglichkeit in den Videos hin- und her zu springen, sobald sie vorgeladen wurden, jedoch nicht rückwärts abzuspielen. Andere Möglichkeiten zur Nicht-Linearität im Videocontent einzelner Clips gibt es auf Vimeo nicht. Betrachtet man beispielsweise Kanäle oder andere thematisch geordnete Videosammlungen gibt es freilich die Möglichkeit die Abfolge mehrerer Beiträge individuell festzulegen.              
Es ist jedem frei gestellt, wie er sich innerhalb der Community bewegt, in welcher Reihenfolge er bspw. Forumsbeiträge liest, Gästebücher durchstöbert oder über die Kontaktlisten zu verschiedenen Mitgliedern springt. Sobald ein Besucher die Startseite von Vimeo aufgerufen hat, kann er sich von da aus frei durch das Portal bewegen. Die Linearität ist in dem Fall demnach kaum eingeschränkt.

Wir können also festhalten, dass ein relativ umfangreiches Selektionsangebot und somit ausreichend Selektionsmöglichkeiten für die User durchaus vorhanden sind. Modifikationsmöglichkeiten und –angebote beschränken sich wenn überhaupt auf die Communityfunktionen, fallen aber auch dort zum großen Teil unspektakulär aus. Ähnlich verhält es sich mit dem Kriterium der Linearität, wobei die Community typischerweise sehr frei „begehbar“ ist. Haben wir es also mit einem interaktiven Kommunikationsangebot zu tun? Ausgehend von der angewandten Konzeptionalisierung nach Goertz offensichtlich nicht. Es handelt sich ohne Frage um ein Kommunikationsangebot, aber der Grad der Interaktivität, des „Einfühlvermögens“ von Vimeo in den Kommunikationspartner erscheint nicht ausreichend. Interaktion ist möglich, aber „Interaktivität ist nicht gleich Interaktion! […] aus dem bloßen Auftreten von Interaktionen [folgt nicht] schon Interaktivität, da die Vermittlung solcher Interaktionen nicht dem (Haupt-) Gegenstand der Medienanwendung entsprechen muss.“ (vgl. Kreuzberger 2008 ) Ich schätze ähnlich verhält es sich auch mit Vimeo. Die Interaktionen stellen wahrscheinlich nicht den Hauptgegenstand der Plattform dar (vgl. auch meine Umfrage) und die Frage lautet daher ob Vimeo überhaupt hochgradig interaktiv sein möchte? Ich werde dennoch versuchen, in meinem nächsten Eintrag auf eventuelle Möglichkeit für mehr Interaktivität einzugehen.

Ich hoffe ich konnte euch durch meine Ausführungen einiger eurer Fragen beantworten und freue mich auf weiteres Feedback und angeregte Diskussionen rund um das Thema „Interaktivität“ auf Vimeo :-).

4.12.08 20:44

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


M. Irmer (9.12.08 13:08)
Hallo Herr Partzsch,

interessante Ausführungen zu Interaktivität und Interaktion bei vimeo.
Die Frage ist nun für Ihre weitere Arbeit, ob das: "Ich werde dennoch versuchen, in meinem nächsten Eintrag auf eventuelle Möglichkeit für mehr Interaktivität einzugehen." sinnvoll ist. Denn wenn Interaktivität hier nicht so wirklich das Ziel der Plattform ist, muss mAn nicht mehr Interaktivität integriert werden :-). Sie können doch durchaus auch andere Ausblicke/ Handlungsempfehlungen etc. für die Plattform geben. Sie "müssen" sich also nicht unbedingt auf Interaktivität beschränken!
Gruß,
M. Irmer


Kati Kraußer / Website (28.1.09 10:14)
Hey Partzschi,
deine Ausführungen sind dir gut gelungen und wurden soeben "geliked":-). Ich denke, genau wie Frau Irmer, dass eine höhere Interaktivität bei vimeo keinen Sinn machen würde, da, wie du ja in deiner Umfrage rausbekommen hast, die Nutzer eigentlich das Portal wegen der guten Videoqualität nutzen.
Was mich noch interessieren würde: Gibt es eine Rangliste, wo die Videos mit den meisten "likes" angezeigt werden?
Außerdem denke ich, dass die Mitarbeiter von vimeo doch nicht alle Videos von vimeo anschauen?! Also ist doch ihre Wahl der "tollen Video" ziemlich zufällig, oder denkst du jedes Video wird gesehen und hat somit die Chance auf die Startseite zu kommen? Vielleicht könnte man diesen Prozess bzw. diese Auswahl auch nochmal optimieren...

Liebe Grüße,
Kati


Nico / Website (1.9.09 14:28)
Hallo Daniel, es ist zwar vielleicht etwas zu spät dafür, aber ich dachte ich frage trotzdem mal.

Warum hast du beim Grad der Selektion und der Modifikation nicht die Skala/Skalen von Goertz verwendet? Haben die vielleicht nicht so gut gepasst? Falls du nicht weißt wovon ich spreche, kannst du dir die auch hier mal ansehen

http://books.google.de/books?id=tIyscAgusoIC&lpg=PA4&vq=Grad%20der%20Selektionsm%C3%B6glichkeiten&hl=en&pg=PA5#v=onepage&q=&f=true

Gruß Nico

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